Einer Legasthenie/LRS liegen eine Vielzahl von Ursachen zugrunde.

Besonderer Bedeutung kommen hierbei

  • den genetischen Anlagen
  • den exekutiven Funktionen und der kognitiven Entwicklung
  • dem sozialen und schulischen Umfeld

zu.

Genetische Ursachen

Neueste Forschungen haben ergeben, dass verschiedene Chromosomen Veränderungen aufweisen, die die neuronale Entwicklung ungünstig beeinflussen. Unklar ist, welchen Anteil die genetische Veranlagung und welchen Anteil die Umwelt letztendlich für die Entwicklung und das Lernen haben. Hier bedarf es noch weiterer Forschungen.

 

Exekutive Funktionen

Der Einfluss der exekutiven Funktionen auf das Lernen von Kindern rückte in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Wissenschaft. Exekutive Funktionen sind maßgeblich an einer Vielzahl von Prozessen beteiligt, die für das Lesen und Schreiben verantwortlich sind.

Um zum Beispiel ein Diktat fehlerlos schreiben zu können, müssen alle exekutiven Funktionen gut zusammenarbeiten. Das Kind muss dabei die Stimme des Lehrers aus allen anderen Geräuschen die es in der Klasse gibt herausfiltern. Ablenkende Reize müssen unterdrückt werden. Dafür braucht es die Fähigkeit zur Inhibition.

Das Arbeitsgedächtnis ist gefordert sich das Gesagte, in der richtigen Reihenfolge zu merken, die gehörten Laute zu erkennen und die entsprechenden Buchstaben aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen. Weiterhin müssen im Arbeitsgedächtnis die Informationen über die Schreibbewegungen bereitgestellt und der Schreibvorgang überwacht werden. Die Informationen müssen so lange im Arbeitsgedächtnis bereitgestellt werden, bis der Vorgang abgeschlossen ist.

Die kognitive Flexibilität ist für den schnellen Wechsel zwischen den einzelnen Gedanken und Handlungen verantwortlich.

An der Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit sind das Arbeitsgedächtnis und die Inhibition beteiligt.

Nur wenn alle diese Funktionen gut zusammen arbeiten, wird das Diktat fehlerfrei werden.

Aktuelle Forschungen belegen, dass Kinder die zum Schulbeginn schwach entwickelte exekutive Funktionen haben, ein höheres Risiko tragen, Schwierigkeiten beim Lernen von Lesen und Schreiben zu bekommen.

 

Soziales und schulisches Umfeld

Das Freizeitverhalten der Kinder von heute unterscheidet sich deutlich vom Freizeitverhalten vor 25 oder 30 Jahren. Natürliche Spiel- und Lebensräume stehen den Kindern, vor allem in Städten, immer weniger zur Verfügung. Spiele wie Blinde Kuh, Räuber und Gendarm, Verstecken, Seilhüpfen, Ballspiele, usw. werden immer seltener gespielt. Spielen, Entdecken und Forschen im Freien sind aber eine unabdingbare Voraussetzung für eine gesunde und allseitige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten.

Kinder von heute erleben ihre Umwelt immer häufiger zweidimensional vor Bildschirmen. Oft beginnt der Medienkonsum bereits mit dem Frühstücksfernsehen, setzt sich auf dem Schulweg und in den Schulpausen mit Spielereien am Smartphone fort und endet oft erst in den späten Abendstunden. Das Fernsehgerät, der Computer oder das Smartphone werden zur „Ersatzmutter“. Vor allem jüngere Kinder sind durch ständige Reizüberflutung überfordert, was negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder hat.

Ebenso können familiäre Umstände wie der Tod eines Familienmitgliedes, die Scheidung der Eltern, Geschwisterrivalitäten oder beengte Wohnverhältnisse eine Legasthenie/LRS begünstigen.

In der Schule sind Kinder mit Legasthenie/LRS überfordert. Manchmal gelingt es ihnen ihre Schwächen durch Erraten und Auswendiglernen in den ersten Schuljahren zu kompensieren. Die Lehrer und auch die Eltern erkennen dies meist erst später.

Große Klassen, Unruhe, häufiger Lehrerwechsel, Überforderung, fehlende ausreichende individuelle Zuwendung und Beobachtungen des Lernfortschrittes u.a. wirken sich negativ auf die Kinder aus und begünstigen eine Legasthenie/LRS.

Kinder mit einer Legasthenie/LRS brauchen geeignete Lernmethoden, Erfolgserlebnisse, Verständnis für ihre Situation und eine rechtzeitige Förderung. Eine Legasthenie/LRS ist so individuell wie die Persönlichkeit bei der sie Auftritt. Deshalb braucht ein Kind eine, auf seine Bedürfnisse abgestimmte Förderung.