Im Gegensatz zur Erforschung von Schwierigkeiten beim Lernen des Lesens und Schreibens steckt die Erforschung der Rechenschwäche noch in den Kinderschuhen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Wissenschaft mit dem Phänomen der Rechenschwäche beschäftigt.

Forschungen zur Rechenschwäche werden vor allem in den Bereichen der Mathematikdidaktik, der Sonderpädagogik und der Psychologie, insbesondere der Neuro- und Entwicklungspsychologie, betrieben. Die Ergebnisse der Forschungen zeigen, dass es nicht nur eine Ursache für die Rechenschwäche gibt, sondern viele Faktoren zur Entstehung einer Rechenschwäche beitragen.

Ursachen von Rechenschwäche werden

  • in den genetischen Anlagen
  • der Entwicklung der exekutiven Funktionen
  • dem visuell-räumlichen Vorstellungsvermögen
  • sowie im sozialen und schulischen Umfeld

gesehen.

Genetische Ursachen

Darüber inwieweit die Rechenschwäche auf genetische Ursachen zurückzuführen ist, herrscht Uneinigkeit.

 

Exekutive Funktionen

Der Einfluss der exekutiven Funktionen auf das Lernen von Kindern rückte in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Wissenschaft. Aktuelle Forschungen belegen, dass Kinder die zum Schulbeginn schwach entwickelte exekutive Funktionen haben, ein höheres Risiko tragen, Schwierigkeiten in Mathematik zu bekommen. Exekutive Funktionen sind maßgeblich an einer Vielzahl von Prozessen beteiligt, die für das Rechnen, Denken und Problemlösen verantwortlich sind.

So werden beim Kopfrechnen beispielsweise die gestellte Aufgabe oder Zwischenergebnisse während des Rechenprozesses vergessen. Bei der Lösung von Textaufgaben kommt es vor, dass der Sinn der Aufgabe nicht erfasst werden kann weil die Anzahl der Informationen in der Aufgabenstellung das Arbeitsgedächtnis überfordern.

Haben die Kinder ein schwach ausgeprägtes Arbeitsgedächtnis gelingt es ihnen nicht alle Informationen zur Lösung der Aufgaben im Gedächtnis zu behalten.

Der Aufbau mentaler Vorstellungsbilder, die Entwicklung und Bereitstellung von Lösungsplänen sowie von Strategien und Algorithmen erfolgt ebenfalls im Arbeitsgedächtnis.

Das Arbeitsgedächtnis ist auch an der Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit beteiligt.

Ist die kognitive Flexibilität schwach entwickelt, fällt es Kindern schwer, zwischen Aufgabenstellungen zu wechseln. Sie haben beispielsweise Probleme zwischen Additions- und Subtraktionsverfahren hin und her zu schalten.

 

Visuell-räumliches Vorstellungsvermögen

Visuell - räumliches Vorstellungsvermögen hat Einfluss auf Kompetenzen im mathematischen, sprachlichen und problemlösenden Bereich. Kindern mit Rechenschwäche/Dyskalkulie fehlt es oft an einem gut entwickelten räumlichen Vorstellungsvermögen. Dies ist aber für die Entwicklung eines mathematischen Verständnisses und für den Übergang vom konkreten Handeln zum abstrakten Denken notwendig.

Viele Inhalte der Mathematik beruhen auf visuell-räumlichen Beziehungen. Beispiele hierzu sind das Erkennen und Vorstellen von Mengen, ebenen und räumlichen Figuren und die Orientierung im Zahlenraum wie beispielsweise auf dem Zahlenstrahl und im Stellenwertsystem.

Für die Orientierung im Raum bildet der Bezug zum eigenen Körper die Grundlage.

Sachaufgaben bedürfen dem Erkennen und der Vorstellung von zeitlichen, räumlichen und mengenmäßigen Veränderungen.

Die Entwicklung des visuell-räumlichen Vorstellungsvermögens ist eng mit der Entwicklung der Wahrnehmung und somit auch mit der Entwicklung der exekutiven Funktionen verbunden.

 

Soziales und schulisches Umfeld

Das Freizeitverhalten der Kinder von heute unterscheidet sich deutlich vom Freizeitverhalten vor 25 oder 30 Jahren. Natürliche Spiel- und Lebensräume stehen den Kindern, vor allem in Städten, immer weniger zur Verfügung. Spiele wie Blinde Kuh, Räuber und Gendarm, Verstecken, Seilhüpfen, Ballspiele, usw. werden immer seltener gespielt. Spielen, Entdecken und Forschen im Freien sind aber eine unabdingbare Voraussetzung für eine gesunde und allseitige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten.

Kinder von heute erleben ihre Umwelt immer häufiger zweidimensional vor Bildschirmen. Oft beginnt der Medienkonsum bereits mit dem Frühstücksfernsehen, setzt sich auf dem Schulweg und in den Schulpausen mit Spielereien am Smartphone fort und endet dann erst in den späten Abendstunden. Das Fernsehgerät, der Computer oder das Smartphone werden zur „Ersatzmutter“. Vor allem jüngere Kinder sind durch ständige Reizüberflutung überfordert, was negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder hat.

Ebenso können familiäre Umstände wie der Tod eines Familienmitgliedes, die Scheidung der Eltern, Geschwisterrivalitäten oder beengte Wohnverhältnisse eine Dyskalkulie/Rechenschwäche begünstigen.

In der Schule sind Kinder mit Dyskalkulie/Rechenschwäche überfordert. Manchmal gelingt es ihnen ihre Schwächen durch Erraten und Auswendiglernen in den ersten Schuljahren zu kompensieren. Die Lehrer und auch die Eltern erkennen dies meist erst später.

Große Klassen, Unruhe, häufiger Lehrerwechsel, Überforderung, fehlende ausreichende individuelle Zuwendung und Beobachtungen des Lernfortschrittes u.a. wirken sich negativ auf die Kinder aus und begünstigen eine Dyskalkulie/Rechenschwäche.

Kinder mit einer Dyskalkulie/Rechenschwäche brauchen geeignete Lernmethoden, Erfolgserlebnisse, Verständnis für ihre Situation und eine rechtzeitige Förderung. Eine Dyskalkulie/Rechenschwäche ist so individuell wie die Persönlichkeit bei der sie auftritt. Deshalb braucht ein Kind statt Nachhilfe, eine auf seine Bedürfnisse abgestimmte Förderung.